„Wie viele Menschen fallen durchs Raster, weil wir ADHS immer noch falsch verstehen?“
„Wie viele Menschen fallen durchs Raster, weil wir ADHS immer noch falsch verstehen?“
Diese Frage hat mich während einer Harvard-Fortbildung zu ADHS nicht mehr losgelassen.
Denn was ich dort gelernt habe, zeigt: Wir übersehen nicht nur eine Diagnose, wir übersehen Leben!
Meine wichtigsten Learnings:
1. ADHS bleibt bei Erwachsenen häufig unerkannt. Eine US-Studie (Babinski et al.) zeigt: Über 50 % der Erwachsenen, die psychiatrische Hilfe suchen, screenen positiv auf ADHS, nur 11,9 % aller Patienten erhalten die Diagnose. Es wird zu oft übersehen!
2. Besonders Frauen bleiben oft lange ohne Diagnose.
Viele erhalten ihre Diagnose erst nach dem 40. Lebensjahr. Warum?
Weil sie funktionieren. Sich anpassen.
ADHS zeigt sich bei ihnen nicht als „Zappeligkeit“, sondern als Erschöpfung, Selbstzweifel und Chaos im Kopf, dabei werden sie oft über Jahre nicht erkannt.
3. Komorbiditäten sind die Regel, nicht die Ausnahme. ADHS erhöht das Risiko für:
- Angststörungen (5-fach)
- Depressionen (4-fach)
- Bipolare Störung (8,7-fach)
- Substanzmissbrauch (4,6-fach)
(Medscape Survey; Sun et al., JAMA Psychiatry 2019)
4.Das Sterberisiko ist erhöht (!)
Frauen mit ADHS verlieren im Schnitt über 9 Lebensjahre, mehr als Männer (7,5 Jahre). Mögliche Erklärung: ADHS bleibt bei Frauen häufiger unerkannt, sie zeigen häufiger internalisierende Symptome wie Depression oder Suizidalität, und hormonelle Schwankungen verstärken die Symptomatik zusätzlich, werden aber selten in Diagnostik und Therapie berücksichtigt.
5. Zyklusschwankungen beeinflussen die Symptome bei Frauen.
Studien (Eng & Martel, 2024) zeigen:
- Um den Eisprung steigt die Impulsivität
- Prämenstruell nimmt Unaufmerksamkeit zu
→ in bestimmten Zyklusphasen ist deswegen mehr Medikation notwendig (Frontiers in Psychiatry, 2023)
6. ADHS beeinflusst alle Lebensbereiche.
In einer Erhebung (NASEM/Medscape 2024) berichteten Betroffene:
- Gedächtnisprobleme (79 %)
- Probleme in Beruf/Schule (69 %)
- Beziehungsprobleme, Schlafstörungen, finanzielle Sorgen (je 57 %) → Und das, obwohl viele als „intelligent“ oder „funktionierend“ wahrgenommen werden.
7. Therapie wirkt, selbst bei schweren psychiatrischen Komorbiditäten
Eine schwedische Studie (Öhlund et al., 2020) zeigt:
ADHS-Therapie (v. a. mit Stimulanzien) senkt
- Suizidversuche (p = 0.013)
- Selbstverletzung (p = 0.004)
- Hospitalisierungen (p = 0.029)
- Mein Fazit aus der Fortbildung:
ADHS ist mehr als eine Aufmerksamkeitsstörung.
Es ist ein komplexes, oft missverstandenes Störungsbild mit weitreichenden Konsequenzen, wenn es unerkannt bleibt. Früherkennung, gendersensible Diagnostik und differenzierte Therapie können nicht nur Lebensqualität, sondern unter Umständen Leben selbst retten.
#ADHS #Medizin #Aufklärung #Neurodivergenz #Psychiatrie| 69 Kommentare auf LinkedIn